Sicherheitsbranche im Wandel: Perspektiven und Möglichkeiten
Durch die Ereignisse der letzten Monate – und angesichts möglicher zukünftiger Herausforderungen – ist es sinnvoll, das Ausbildungsniveau in der Sicherheitsbranche einmal genauer zu betrachten. Benötigen wir eine höhere oder besser abgestimmte Qualifikation? Für die meisten Aufgaben mag die Sachkundeprüfung ausreichen, aber wie sieht es aus, wenn es um den Schutz kritischer Infrastruktur geht? Können Sicherheitsmitarbeiter einfache Aufgaben der Polizei übernehmen, ohne hoheitliche Befugnisse zu haben? Und kann die private Sicherheitsbranche insgesamt mehr zum Schutz unseres Landes beitragen?
Ich höre jetzt schon die Einwände mancher Leser: Die Branche könne das nicht leisten, es fehle an notwendiger Qualifikation, Erfahrung und Know-how der Unternehmen. Teilweise stimme ich diesen Argumenten zu – doch genau hier liegt die Chance, Verbesserungen umzusetzen, wenn der Wille vorhanden ist.
Ein erster Ansatzpunkt könnte darin bestehen, die Anforderungen für die Gründung einer Sicherheitsfirma zu erhöhen. Reicht es tatsächlich aus, nur die Gebühr für die Gewerbeanmeldung deutlich höher anzusetzen, im Vergleich zur Standardgebühr für andere Gewerbe? Sollte es wirklich genügen, allein die Sachkundeprüfung zu absolvieren, um ein Sicherheitsunternehmen zu führen?
Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, Mindestanforderungen auf Meisterebene einzuführen – und zwar nicht nur für den Geschäftsführer, sondern für den tatsächlichen Firmeninhaber oder die Gesellschafter. Das wäre ein erster Schritt, um sicherzustellen, dass Unternehmen der Sicherheitsbranche langfristig über die erforderliche Kompetenz und Erfahrung verfügen, um ihre Aufgaben professionell und verantwortungsvoll wahrzunehmen.
Hier einige Ideen, über die tatsächlich nachgedacht werden könnte. Sie sind noch nicht ausgereift und müssen weiterentwickelt werden, bieten aber auf jeden Fall Potenzial für eine spätere Ausgestaltung.
1. Einheitliche und deutlich höhere Grundqualifikation
Status quo (Problem)
§34a GewO ist zu niedrigschwellig für viele Einsatzbereiche
Die Unterrichtung oder Sachkunde
große Qualitätsunterschiede zwischen Anbietern
Fokus auf „Bewachung“, nicht auf Lagebewältigung & Zusammenarbeit
Vorschläge:
Mehrstufiges Qualifikationsmodell, z. B.:
Stufe 1 – Basisschutz (verpflichtend)
Recht (Jedermannsrechte, Notwehr/Nothilfe, Datenschutz, Deeskalation)
Verhalten im öffentlichen Raum
Kommunikation & Konfliktmanagement
Ethik & Rollenverständnis
Stufe 2 – Erweiterter Ordnungs- & Präventionsdienst
Zusammenarbeit mit Polizei & Ordnungsamt
Meldeketten & Lageberichte
Erweiterter Umgang mit psychisch auffälligen Personen
Erweiterte Crowd- & Eventgrundlagen
Stufe 3 – KRITIS & Objektschutz
Schutzkonzepte für kritische Infrastruktur
Erweiterte Kenntnisse Sabotage-, Spionage- & Insiderbedrohungen
Verhalten bei Terror-, Amok- & Sabotagelagen
Business Continuity & Notfallmanagement (Grundlagen)
Pflichtschulungen oder Auffrischungskurse (z. B. alle 2–3 Jahre)
2. Deutlich mehr praxisnahe Schulungen (statt nur Theorie)
Wichtige Schulungsformate
Szenarientraining
aggressive Personen
Eskalationsverläufe
KRITIS-Störfälle (Strom, IT, Zugangssysteme)
Rollenspiele mit Polizei/Ordnungsamt
Planspiele & Lageübungen
Nachbesprechungen (Lessons Learned)
Ziel: Handlungssicherheit, nicht Auswendiglernen.
3. Gemeinsame Ausbildungsanteile mit Behörden (ohne Befugnisübertragung)
Sinnvoll & rechtssicher
Gemeinsame Module mit:
Polizei (Lageverständnis, Eigensicherung, Kommunikation)
Ordnungsämtern (Rechtsrahmen, Auftreten, Bürgerkontakt)
Feuerwehr / Katastrophenschutz (Alarmierung, Schnittstellen)
Wichtig:
Klare Trennung der Rollen, aber gemeinsames Lageverständnis
Das verbessert:
Akzeptanz
Übergaben
Informationsqualität
4. Stärkung von Soft Skills & Professionalität
Oft unterschätzt – aber entscheidend:
Pflichtmodule
Deeskalation & Stressmanagement
interkulturelle Kompetenz
Psychologie von Konflikten
Umgang mit vulnerablen Gruppen
Selbstreflexion & Fehlerkultur
Ziel: Sicherheitsdienst als professioneller Ansprechpartner, nicht als „Rausschmeißer“.
5. Spezielle KRITIS-Schulungen
Für Einsätze in:
Energie
Wasser
Verkehr
Gesundheitswesen
IT / Rechenzentren
Inhalte
KRITIS-Gesetzgebung & Betreiberpflichten
Bedrohungsbilder (physisch & hybrid)
Zutritts- & Identitätsmanagement
Verhalten bei Sabotage & Ausfall
Dokumentation & Beweissicherung (ohne Ermittlungsarbeit)
6. Qualitätssicherung & Kontrolle
Notwendig
Verpflichtende Fortbildungen
Mindeststunden pro Jahr
Externe Audits & Zertifizierungen
Klare Haftung & Sanktionen bei Unterqualifikation
Qualität darf nicht nur über den Preis entschieden werden.
7. Image & Berufsattraktivität verbessern
Langfristig wichtig:
bessere Bezahlung bei höherer Qualifikation
klarere Karrierepfade
Spezialisierungen statt „Alleskönner“
staatlich anerkannte Abschlüsse
Die meisten werden jetzt wahrscheinlich das Argument bringen: ‚Wer soll das bezahlen, und es gibt keinen Markt dafür.‘ Aber stimmt das wirklich? Gibt es tatsächlich keinen Markt? Naja, wir werden sehen – ich freue mich auf viele Ideen und Kommentare hier im Blog der AGSUS Akademie.
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